5. Ultratrail du Tour du Mont Blanc 2007
39:38h, 163km, 8.800hm
24.8.2007, Chamonix, Frankreich
Es muss am Sonntag gg. 1h morgens gewesen sein. Nach langer Diskussion mit meiner Freundin Sarah quäle ich mich endgültig aus dem Bett und blicke erst mal gar nichts, denn eine Halogen-Stirnlampe strahlt mir mit der gefühlten Leuchtstärke einer Flutlichtanlage direkt ins Gesicht. „Ca va?“ fragt eine mir unbekannte Stimme, und wie wohl schon einige Male zuvor auch antworte ich mit „C’est bon, merci!“. Mein Körper ist schon halbwegs wach bzw. hat wahrscheinlich gar nicht richtig geschlafen und schön langsam kommen auch meine Sinne wieder zurück: Ich fühle Waldboden unter mir und schaue mich um; weit und breit ist nichts von Sarah zu sehen, dafür stapft hinter mir eine weitere Läufergruppe bergan, untermalt vom ständigen Klackern der Walkingstöcke. Es dauert wohl mehrere Minuten, bis ich wieder da bin und weiß, was los ist: Ich bin zum fünften Mal dabei, das Mont Blanc-Massiv zu umrunden, 163km und fast 9.000 Höhenmeter im Aufstieg, das Ganze in alpinem Gelände, non-stop und innerhalb von 46 Stunden.

Aufgrund meiner bisherigen vier erfolgreichen Teilnahmen (seit der Erstausgabe 2003 konnte ich jeden UTMB innerhalb des Zeitlimits finishen) habe ich mir die Sache wohl etwas zu leicht vorgestellt und mein momentaner Zustand zeigt deutlich, dass das hier kein Kinderspiel ist. Bevor ich mich in dieser zweiten Nacht völlig übermüdet hier in den Wald legte, hatte ich bereits 125km und fast 7.000hm hinter mich gebracht – dies und 30 Stunden ohne Schlaf haben mich deutlich gezeichnet. Der Drang nach vorne ist ungebrochen, doch als ich meinen Rucksack aufnehme, kommt der nächste Schock: Ich hatte kurz vorher noch zwei Liter Wasser aufgefüllt, doch kein Tropfen ist mehr übrig! Fast panisch suche ich nach einer undichten Stelle in meinem Trinkrucksack, doch der Rucksack ist trocken und auch der Boden staubt. Ich habe auch jetzt, wo ich diesen Bericht schreibe nicht die geringste Ahnung, was passiert ist; meine einzige Idee ist, dass ich im (Halb-)Schlaf die zwei Liter wohl getrunken habe; dass nicht mal mehr Luft in der Trinkblase war und ich seltsamer Weise keinen Durst verspürte bestätig mich in dieser Vermutung…
Schon bei allen meinen Läufen hatte ich regelmäßig Schwierigkeiten mit der Müdigkeit und wohl noch nie zuvor bin ich soweit über den „toten Punkt“ hinausgegangen wie bei diesem Abenteuer. Wie ferngesteuert packe ich also meine Sachen und mache mich an einen der schwierigsten Streckenabschnitte, den Aufstieg zur Bovine. Das Gehen hilft mir, meine Gedanken wieder in „echt“ und „geträumt“ zu sortieren und schön langsam komme ich zu mir. Bald überquere ich einen Bach und nutze die Gelegenheit, meinen Trinkrucksack wieder zu füllen. Die Angst und Verunsicherung weicht Stück für Stück der Zuversicht und ich weiß aus tiefster Überzeugung, dass es möglich ist, dass es weiter geht, dass ich das Ziel erreichen kann und – dass ich das hier will, so fremd mir die ganze Szenerie momentan auch erscheinen mag.
Am Freitag war ich frühmorgens mit dem Auto Richtung Chamonix aufgebrochen und war gegen 11h am Ziel angekommen. Mein Stammparkplatz nahe der Gleitschirm-Landewiese war noch frei und ich packte meine Sachen. Die Startnummernausgabe war wie immer professionell organisiert und wenn ich nicht versehentlich meine Regenjacke vergessen hätte, wäre auch beider Kontrolle der Pflichtausrüstung alles glatt gegangen. Doch auch dieser Mangel war schnell behoben und ich hatte nun Zeit, etwas zu entspannen und mich gedanklich vorzubereiten. Ich lief durch den Ortskern, durchforstete die Sportläden und versuchte etwas zu schlafen – leider vergebens, und da ich die Nacht zuvor auch nur minutenweise geschlafen hatte steigerte dies meinen Optimismus nicht gerade.
Um 14h war Pasta-Party und hier traf ich nach Bernhard Sesterheim und Bill Nickl, die ich bei der Startnummernausgabe schon gesehen hatte mit Jens Vieler und Eric Türlings zwei weitere Bekannte: Ich freute mich wie ein Schnitzel und sogleich wurden die neuesten Laufgeschichten ausgetauscht. Jens hatte nach seinem Start beim Sechstagelauf in Erkrath etwas Bedenken, ob er diese Aktion überstehen würde, denn der Bahnlauf lag erst drei Wochen zurück. Ich versuchte ihm Mut zu machen; schließlich hatte ich die gleiche Kombination vor zwei Jahren auch schon überstanden und ich wusste, dass Jens es mit seiner Gelassenheit, seiner Ausdauer und seiner Erfahrung schaffen konnte. Eine Garantie dafür gab es natürlich nicht, denn dass dieser Lauf viel mit Glück zu tun hatte, hatte ich die letzten Jahre schon erfahren „dürfen“.
Gegen 17h machten wir uns in Richtung Start auf und ich vermisste das bekannte Kribbeln im Bauch, das zwar etwas unangenehm aber sicherlich sehr nützlich und wichtig war. Ich war wohl im Kopf noch nicht ganz so weit. Aber die 2.000 anderen Läufer wollten nicht auf mich und meinen Kopf warten und so starteten wir um 18:30h auf die große Runde.
Die ersten Meter erfolgten im bekannten stop and go, dann wurde es schön langsam flüssiger. Bereits nach 8km bekam Jens einen massiven Dämpfer: Beim Einlauf zur Verpflegung in Les Houches stolperte er so plötzlich über einen Markierungspfosten, dass es sich nicht mehr abstützen konnte und auf seinen Ellbogen fiel. Als wir uns später wieder trafen, klagte er über starke Schmerzen und irgendwann bandagierten wir den Arm sogar, damit er mit seinen Stöcken halbwegs weiterlaufen konnte. Ich freute mich sehr, als wir uns am Lac Combal, also bei km66, wieder trafen, denn ich fürchtete, dass er wegen des Armes irgendwann nicht mehr weiter konnte. Umso größer war natürlich auch die Freude, Jens im Ziel zu sehen – nach über 43h hatte er nur wenige Wochen nach dem Bahnabenteuer von Erkrath den UTMB im ersten Anlauf erfolgreich überstanden. Ein Krankenhausbesuch am Montag nach dem Lauf offenbarte einen Bruch der Elle kurz vor dem Ellbogen und insofern war sein Sechstagelauf wohl das geringste Hindernis für ihn. An dieser Stelle noch mal herzlichen Glückwunsch, Jens!
Noch auf dem Weg nach Les Houches stand ein Läufer am Wegesrand, den ich auch sehr gut kannte: Marcel Heinig hatte ich beim Ellerdorfer Doppeldecker 2005 kennen gelernt. Er ist einer der jüngsten in dieser Szene und wegen seiner freundlichen, netten und aufgeschlossenen Art habe ich ihn schnell schätzen gelernt. Doch auch er ist immer wieder für Überraschungen zu haben: Vor nur sechs Jahren wog der stattliche Kerl noch genauso stattliche 120kg und durch seine fast atemberaubende Vielzahl an Marathon- und Ultramarathonteilnahmen konnte er diese recht bald auf 90kg reduzieren. Doch damit nicht genug: Irgendwann fing er mit Triathlon an und da waren es natürlich auch nicht die Kurzdistanzen, die ihn interessierten! Kurz gesagt: Im Herbst 2006 nahm der heute 25 Jahre junge Athlet am 10fach Ironman in Mexico teil und konnte diesen überaus erfolgreich als 6. der Gesamtwertung finishen. Anschließend hatte er aufgrund dieser immensen Belastung zwar Schwierigkeiten, sich zu erholen und musste sogar den einen oder anderen Marathon abbrechen. Aber mittlerweile ist er wieder auf dem Damm und mit 37:45h konnte er ein hervorragendes Debut beim UTMB abliefern. Auch Dir herzlichen Glückwunsch, Marcel!!
Beim unglaublich steilen Abstieg vom Croix de la Charme, bei dem man auf nur 5,4km 1.000m an Höhe verliert, ließ ich es laufen und verlor so leider Marcel und die anderen. Aber ich merkte schnell, dass man diesen Abstieg nicht unterschätzen durfte; hier konnte man sich seine Oberschenkel ruinieren und das war angesichts der noch bevorstehenden und nicht minder schwierigen 150km keine wirklich gute Idee… Dieser Berg war zum ersten Mal Teil der Strecke und auch den Weg durch die Gemeinde St. Gervais kannten wir noch nicht. Doch die Stimmung hier war gigantisch, und auch das Angebot an Verpflegung war wie immer hervorragend. Bald kannten wir die Strecke jedoch wieder und es ging hinauf zum Col du Bonhomme mit anschließendem Übergang zum Refuge Croix du Bonhomme. 1.850hm im Aufstieg lassen darauf schließen, dass man diesen guten Halbmarathon (23km) nicht in Bestzeit schafft und auf dem Weg musste ich oft an mein erstes Finish beim SwissAlpine in Davos denken: Ich dachte damals, die 78km und 2.300hm (!) im Aufstieg seien die Obergrenze des Machbaren; aber damals war ich ja noch jung und brauchte zwar kein Geld, aber zumindest das Gefühl, an einem Topberglauf teilzunehmen!
An der Verpflegung La Balme traf ich um 1h morgens Jens und auch Eric wieder und alle schienen noch guter Stimmung und Fitness zu sein. Der Col war bald geschafft und begeistert schaute ich mir immer wieder die uns folgende Lichterkette aus hunderten von Stirnlampen an. Man konnte von hier aus ca. 3km zurückblicken und bei sternklarem Himmel, fantastischer Bergluft und mit immer noch beweglichen Beinen konnte ich die Szenerie in vollen Zügen genießen.
Der Abstieg nach Les Chapieux war um kurz vor 4h morgens geschafft und ich lag damit nur eine knappe Stunde hinter meiner grob ins Auge gefassten Zeitplanung, die auf ein Finish in 30 Stunden ausgelegt war. Aber aus der einen Stunde sollten dann schließlich noch fast zehn werden und ehrlich gesagt war mir ein gesundes und sicheres 5. Finish wichtiger als eine neue Bestzeit. Die Verpflegung in Les Chapieux war ein buchstäblicher Leckerbissen und diesmal hatte ich besonders Appetit auf Suppe. „La soup“ war allseits sehr beliebt und zusammen mit Salami und Weißbrot war sie für solche Nachtläufe genau das richtige. Dazu gab’s noch Müsliriegel und jede Menge zu trinken, denn ich schwitzte stark und hatte keine Lust auf Krämpfe.
Nun stand mit dem Col de la Seigne und den 1.000hm dorthin der dritte große Anstieg an und wegen der schlechten Wegführung hatte ich etwas Bedenken davor. Doch zunächst stand mir noch eine Teerstraße bevor und wegen ihrer ausgedehnten Länge und der geringen Steigung hatte sie mich bisher noch jedes Mal in den Schlaf gezwungen. Ich war schon wieder nahe daran, schlaftrunken die gesamte Straßenbreite zu brauchen, als ich Gott sei dank Jens wieder traf. Zusammen mit ihm verflog die Straße wie auch die Zeit und bald ging es ans Eingemachte. Doch dankenswerter Weise wurde der Anstieg zu einer breiten Forststraße ersetzt, die in weitläufigen Serpentinen schon fast komfortabel nach oben führte. Um 7h morgens konnte ich vom Col de la Seigne nach Italien blicken. Das Wetter war nach wie vor fantastisch und ich beeilte mich, um nach Courmayeur zu kommen. Anschließend ging es nämlich einen sehr ausgesetzten Höhenweg entlang und wie ich letztes Jahr spüren konnte war dieser wesentlich leichter, wenn man noch etwas Schatten abbekam.
Schneller als gedacht war ich beim Refuge Elisabetta und fast noch schneller kam schon die Verpflegung auf dem Col Chécrouit in Sicht. Unterwegs schickte ich ein Foto vom Sonnenaufgang in die Heimat und freute mich, dass es mir noch so gut ging. Auch der saumäßig steile Abstieg nach Courmayeur (irgendwie wird der von Jahr zu Jahr steiler…) war bald beendet und um kurz nach 10h morgens lief ich dort ein – mittlerweile zwei Stunden hinter meiner Zeitplanung.
Ich hatte mir schwer vorgenommen, maximal 30min dort zu bleiben und hatte deswegen auch kein drop bag hierher geschickt. Ich aß gut und reichlich, füllte meinen Rucksack voll Isogetränk und machte mich bald wieder auf den Weg. Meine Füße hatten leider schon etwas gelitten und kritisch beäugte ich erneut, wie sich an meinen Zehenballen tiefe Blasen bildeten. Also die Schuhe enger geschnürt und nichts wie los. „Hilfe“ gab es erst in Champex wieder und das war noch einen guten Marathon entfernt. Bald ging es hinauf zum Refuge Bertone und die Sonne brannte voll in den Berg. In der Hoffnung, dass es weiter oben auch deutlich kühler sein würde ließ ich nicht locker und erreichte um kurz nach 12h mittags die Hütte. Unterwegs dorthin kamen mir einige Läufer entgegen und auch hier oben sahen manche so aus, als ob sie hier ihre persönliche Grenze erreicht hätten. Ich vermute, dass sie mit letzter Kraft Courmayeur erreicht und sich dann so weit erholt hatten, dass sie weitermachen konnten. Doch der Anstieg zur Bertone ist so gnadenlos und heiß, dass hier so mancher an sein Limit kommt, obwohl er sich noch weit davon entfernt gesehen hatte.
Doch ich war guter Dinge und verließ vollgetankt die Hütte. Dass jetzt meine persönliche Schlüsselstelle kam, wusste ich und ich war finster entschlossen, die 12km Höhenweg bis Arnuva durchzuziehen. Regelmäßig kam ich hier mental ins Schleudern und nur im letzten Jahr ging es halbwegs gut, da ich wie gesagt früh dran war und mir zwischendrin ein Viertelstündchen Schlaf genehmigte. Doch es war wie verhext: Der Weg zog und zog sich und die wellenförmigen Auf- und Abstiege nahmen kein Ende. Statt geplanter zwei brauchte ich fast drei Stunden hierher und ich verabschiedete mich gedanklich von der 30 Stunden-Marke. Denn diese Planung funktionierte nur, wenn ich so schnell war, dass ich die zweite Nacht nicht auch noch durchlaufen musste. Wenn man die Strecke in 30 Stunden schafft, ist man um 0:30h wieder in Chamonix. Braucht man drei Stunden länger, so muss man als Normalsterblicher wegen der zweiten Nacht gleich noch mal drei Stunden draufschlagen. Das war der Haken am UTMB und es sah nicht so aus, als ob ich ihn noch umgehen konnte. Doch ich war mit mir im Reinen: Ich wollte finishen und wenn ih bei diesem Abenteuer etwas nicht gebrauchen konnte, so war das Hektik. Also ruhig und besonnen weiter!!
Diese Besonnenheit führte mich um 16:30h auf den Grand Col Ferret und dass ich seit meinem Einlauf in Courmayeur mehr als 200 Läufer überholt hatte zeigte, dass ich es so falsch nicht machte. Der Abstieg war vergleichsweise erholsam und auch das Panorama war wieder mal gigantisch. Gegen 18h, also noch vor Ablauf von 24 Stunden, erreichte ich La Fouly und freute mich, dass ich den Aufstieg nach Champex noch im Hellen absolvieren konnte. Irgendwie war jetzt alles so logisch geworden: Ich war im Rhythmus, kannte meinen Körper und den Lauf und war gespannt, wie die zweite Nacht ablaufen würde. Mehr und schneller als jemals zuvor lief ich die Teerstraße hinab und gemeinsam mit einem französischen Läufer ließ ich mich zu einer höheren Geschwindigkeit motivieren.
Diese hielt auch bis Champex an und ich freute mich um 21h, dass ich mir nun eine 45min-Pause genehmigen durfte. Kurz zuvor telefonierte ich noch mit Sarah und ihre Stimme zu hören gab mir nochmals Kraft, Zuversicht und dem ganzen Unternehmen auch einen gewissen Sinn. Ich wusste nicht, wie die Sache hier ausgehen würde, aber wenn es irgendwie möglich war wollte ich noch am Sonntag zu ihr fahren. Ich spürte wie glücklich ich bei ihr bin und wusste, dass es keine Selbstverständlichkeit war, dass sie meinen Lebensstil mitmachte. Die ganze Woche beruflich unterwegs und am Wochenende wieder auf Achse bzw. Sohle – das ist sicher nicht das, was sich eine Frau wünscht und ich bin unglaublich dankbar dafür, dass Du da mitspielst, mein lieber Schatz!!
Um 22h waren der Bauch voll, der Rucksack vollgetankt, die Socken gewechselt und die Zähne geputzt – es konnte also weitergehen! Nur leider hatte der Plan, mir hier ein paar Minuten Powerschlaf zu holen nicht funktioniert und so machte ich mich in mental bedenklicher Verfassung wieder auf die Strecke: Zum ersten Mal hatte ich mit den psychischen Folgen von Schlafentzug zu kämpfen, bislang hatte immer vorher mein Körper nachgegeben. Nun hörte ich interessiert den anderen Läufern zu und beobachtete das Zelt mit all den Läufern und Betreuern wie in einem Film: Es war spannend zu sehen, wie sich mein Kopf alles zusammenreimt, was er gegenwärtig wohl nicht verarbeiten konnte und bald merkte ich, dass die Gespräche, denen ich aufmerksam folgte so wohl nicht stattfanden; erstens verstand ich kein Wort französisch (daran konnte auch akuter Schlafentzug nichts ändern) und zweitens saßen die vermeintlichen Gesprächspartner ungefähr 20m voneinander entfernt und unterhielten sich bestimmt nicht miteinander. Mir war das alles zuviel, also packte ich um 22h meine Sachen.
Dank Cola, Kaffee und koffeinhaltigem Gel gingen die ersten Meter noch ganz gut, doch schon bald ertappte ich mich wieder dabei, wie ich unterwegs einschlief. Nach einer Stunde hatte ich die Schnauze voll und legte mich in den Wald. Ich versuchte mich so zu platzieren, dass jedem Läufer klar sein musste, dass ich hier freiwillig lag und das funktionierte auch ganz gut. Wie die Sache ausging, habe ich ja oben schon geschrieben und im Nachhinein bin ich der Überzeugung, dass mir die zwei Stunden Schlaf hier sehr gut getan haben. Der Anstieg zur Bovine fiel mir so leicht wie noch nie und auch später lief es ganz anständig. Zwar hatte ich durch diese Pause fast 140 Plätze wieder verloren, aber das war wie gesagt zweitrangig.
Um 4h morgens kam ich in Trient an und nun gab es nur noch einen großen Berg zu bezwingen. Dieser Anstieg nach Les Tseppes war zwar wieder von einigen Notaus-Signalen meines Körpers unterbrochen, aber irgendwie kam ich doch in Vallorcine an. Leider hatte ich meine Streckenkarte verloren, aber ich fand heraus, dass wir hier schon 147km hinter uns hatten und ich hatte schwer vor, auch die verbleibenden 16km erfolgreich abzuhaken. Ich lief erstaunlich schnell und die Tatsache, dass mit Michel Polletti der Streckenchef und ein weiterer all-time-finisher nur ein paar Meter vor mir war, motivierte mich zusätzlich. Aber der UTMB will einem bis zum Überqueren der Ziellinie zeigen, wer das Sagen hat und dadurch, dass sich Chamonix mit all seinen Ortsteilen über lange Kilometer hinweg das Tal entlang zieht, lässt man sich gerne täuschen. Als ich weit entfernt die Türme der ENSA, der weltberühmten Berg- und Skischule, sah, war mir schnell klar, dass das Ganze noch etwas dauern würde. Ich beschloss, durchzulaufen und hängte mich an schnellere Athleten an. Als wir den Talboden erreichten und der Weg nur noch flach am Fluss entlang ging kam mir eine Läuferin mit Husky entgegen. Müde wie ich war, versuchte ich meine Synapsen zum Stichwort „Husky“ zu verkabeln und kam auf Kanada, Alaska und – Maya! Die Freundin von Jens Lukas war fast schon an mir vorbei, als es bei uns beiden endlich klick machte und wir uns begrüßten. Sie drehte sofort um und begleitete mich auf meinen letzten Kilometern ins Ziel. Ich erfuhr, dass Jens nach seinem hervorragenden 4. Platz im letzten Jahr nun den „noch hervorragenderen“ 2. Platz erreicht hatte und dass die junge US-amerikanische Laufelite, die vollmundig eine Siegeszeit von unter 21h angekündigt hatte fast komplett ausgestiegen war. Ich war sehr froh, dass Maya mich ablenkte und ließ es laufen. Zweimal wäre ich dabei fast gestürzt, zu groß war die Versuchung, nach nun über 39 Stunden Einsatz die Konzentration sinken zu lassen.
Als wir auf den engen Weg entlang der ENSA einbogen, verabschiedete sich Maya und bog ab. Gemeinsam mit einem französischen Läufer trabte ich die letzten Meter durch Chamonix: Obwohl der Sieger, der 59-jähirge Marco Olmo aus Italien, nun schon seit 18h im Ziel war, war die Strecke gesäumt von Zuschauern, die uns begeistert Beifall klatschten. Wir winkten zurück und nach 39:38:07h hatte ich meine fünfte Mont Blanc-Umrundung erfolgreich bestanden. Wieder einmal folgte der ersten Euphorie im Ziel eine völlige Leere und in meiner „Verzweiflung“ rief ich Sarah an und heulte ihr ins Telefon. Wenn ich mich recht erinnere vergoss ich bisher nach jedem Zieleinlauf in Chamonix ein paar Tränen und ich weiß immer noch nicht warum. Vielleicht gibt mir der Lauf so viel und erfüllt mich mit so viel Leben, dass mir nach dem Ende (egal, ob erfolgreich oder nicht) etwas fehlt. Ich brauchte ein paar Minuten, dann konnte ich wieder durchatmen und in Richtung Auto und Dusche gehen. In einem Café direkt am Ziel traf ich Jens Lukas und konnte ihm zu seinem fantastischen Erfolg gratulieren. Ich weiß beim besten Willen nicht, wo ich die rd. 17h einsparen sollte, die mich von ihm trennten und versuchte ihm meine Bewunderung zu zeigen. Aber dafür ist der sympathische Läufer natürlich nicht zu haben und zeigte sich wie immer bescheiden. „Die, die zwei Nächte unterwegs sind, leisten überproportional mehr als wir; schließlich geben sie genauso ihre 100% wie wir auch – nur viel länger!“ Das sind die Worte eines ehrlichen und bodenständigen Spitzensportlers. Vielleicht ist Bescheidenheit Grundvoraussetzung dafür, dass man diesen Lauf erleben darf? Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall dankbarer denn je, dass ich wieder dabei sein durfte und wenn ich jetzt daran zurückdenke, kann ich mir nicht vorstellen, im nächsten Jahr nicht die große Runde in Angriff zu nehmen.
5. Yukon Arctic Ultra 2007
245:16h, rd. 550km
11. - 21.2.2007 Yukon Territory, Kanada

Der YAU2007 war mein 86. (Ultra-)Marathon und ich kann mich nicht erinnern, jemals an einem Checkpoint so viel gelacht zu haben. ‚Genauso soll es sein!’, dachte ich mir in diesem Augenblick. Nicht Kämpfen und Leiden war angesagt, sondern Reisen, Genießen und Spaß haben. So hatte der Lauf am 11. Februar 2007 begonnen und so sollte er auch weitergehen; auch wenn alles anders kommen sollte als geplant…
Wir starteten gemeinsam am 8. Februar vom Flughafen Stuttgart und ein wenig mulmig war sicherlich jedem von uns dreien zumute: 100M schienen Sarah bestimmt genauso weit wie uns die 460M, die wir uns vorgenommen hatten. Unser Vorteil war, dass Fisse mit drei erfolgreichen Finishs über 320M und ich mit mittlerweile auch fast 900km YAU-Erfahrung schon halbwegs wussten, was auf uns zukam. Sarah hatte sich gewissenhaft auf den Lauf vorbereitet (was übrigens leider nicht bei allen Athleten der Fall war) und wir hatten ausgemacht, dass wir sie bis zu „ihrem“ Ziel in Braeburn begleiten würden. So konnte fast nichts schief gehen.
In Whitehorse angekommen vervollständigten wir erst mal unsere Ausrüstung: Neben Benzinflaschen und einem Kocher, den uns die Security in Stuttgart abgenommen hatte, und verschiedenen fleischhaltigen Fertigessen, die ich am Zoll in Vancouver abgeben musste ging’s dabei in erster Linie um Essen, aber auch um Kleidung, Batterien, Wärmekissen und verschiedenes Zubehör.
Am 10. waren wir dann soweit gerüstet, dass es losgehen konnte. Für den Vormittag hatte der Veranstalter Robert Pollhammer das Trail-Briefing angesetzt, sodass wir die wichtigsten Infos über die Strecke (vor allem über den neuen Abschnitt von Pelly Farms nach Dawson) erfuhren. Mittags konnten wir wie vor zwei Jahren schon den Start des Yukon Quest bestaunen, wieder einmal bei blauem Himmel, Sonnenschein und Yukon-typischen Temperaturen von -20°C. Abends gab’s dann wieder ein prerace-meeting, mit Vorstellung der Betreuer, den wichtigsten Regeln und natürlich dem Buffet. Aber auch hier war die Anspannung schon recht deutlich zu spüren, sodass wir dann doch eher früh in Richtung Bett schlichen. Für vorr. 13 Tage zum letzten Mal ein Bett, das diese Bezeichnung auch verdiente!
Von den 43 Athleten (in allen vier Distanzen), die am 11. Februar pünktlich um 10:30h an der Startlinie standen bestand nur die Hälfte aus „Rookies“. Die anderen Athleten waren bereits mindestens das zweite Mal am Start und das sprach für das Rennen und die hervorragende Organisation, die Robert mit seinen Betreuern auch in diesem Jahr wieder auf die Beine stellte. Wenn man einmal live gesehen hat, welcher Aufwand hinter einem solchen Abenteuer steckt, wird auch klar, warum die Startgebühr für die 460M €1.900 beträgt. Hier ist einfach alles hochgradig umständlich und ohne die freiwilligen Betreuer wäre ein solches Ereignis gar nicht denkbar.
Auch für Robert war die Streckenverlängerung nach Dawson sicherlich nichts Harmloses: Ab Pelly Farms sollte es rd. 270km durch den Busch gehen, ohne Siedlung, Straße oder sonst irgendwas. Der einzige Checkpoint auf dem gesamten Abschnitt war die Hütte am Zusammenfluss von Scroggie Creek und Stewart River. Wobei hier der Ausdruck „Hütte“ auch schon wieder übertrieben ist: 5m² mit vier Wänden, Dach und Ofen! Aber in dieser verlassenen Gegend ist das schon fast ein 5-Sterne-Hotel. Und hier als verantwortlicher Rennleiter acht Laufverrückte durchzuschleusen ist sicherlich nichts, was man auf die leichte Schulter nimmt. Insofern waren die „460er“ (Pearse Allen, Andy Heading, Andrew McLean, Joachim Rintsch, Klaus Schweinberger, Sam Taylor, Jim Groark und ich) recht bald ein eingeschworenes Team, das das Projekt Dawson gemeinsam mit Robert und den freiwilligen Helfern meistern wollte. Konkurrenz war nur zu Beginn spürbar, sank aber dann merklich mit den Temperaturen.
Leider musste ich feststellen, dass man sich an ein Abenteuer wie den YAU auch gewöhnen kann, wenn ich an die ersten Streckenabschnitte zurückdenke: Irgendwie scheint ein solcher Lauf seine „Magie“, seinen Zauber zu verlieren, wenn man schon im Voraus weiß, was hinter der nächsten Kurve kommt. Das ganze hat Vor-, aber auch Nachteile. Ein Vorteil ist sicherlich die höhere Gelassenheit, mit der man „ans Werk geht“ und die einem auch bei -30°C noch ein besonnenes Weitermarschieren ermöglicht. Als Nachteil empfinde ich allerdings, dass man etwas unempfindlicher wird gegenüber den fantastischen Stimmungen, die man in dieser Gegend erleben darf. Über die gefrorenen Chain Lakes zu marschieren war in diesem Jahr trotz Wind und Nordlichtern eher eine Routineangelegenheit, die man halt abhakt. Verstärkt wurde dieses Gefühl durch das Bewusstsein, dass das Rennen für uns erst in Pelly Farms beginnen würde und keinen Schritt vorher. Wir hatten allesamt einen Heidenrespekt vor den dann folgenden 270km, sodass wir bis dorthin unsere Kräfte schonten, viel aßen und schliefen und alles eher auf die leichte Schulter nahmen.

Für den ersten Abschnitt zum neuen Marathon-Ziel Takhini Hotsprings ließen wir uns rd. 7,5 Stunden Zeit. Satte eineinhalb Stunden langsamer als im letzten Jahr, wobei die Strecke auch spürbar länger war. Nach vier Stunden Pause am Feuer und etlichen Zigaretten (ich hatte es dieses Jahr einfach nicht geschafft, rechtzeitig aufzuhören und nachdem Sarah und Fisse auch fleißig quarzten wollte ich mich nicht zurückhalten…) ging es weiter: Den folgenden Abschnitt nach Dog Grave Lake hatte ich in den Jahren zuvor meist ohne Schlaf in Angriff genommen, dieses Jahr suchten wir uns aber schon um 2h morgens ein gemütliches Plätzchen zum Biwakieren. 6,5 Stunden Schlaf taten gut und durch diese Pause konnten wir den Trail nach Dog Grave Lake auch mal bei Tageslicht sehen, was ein neues und damit sehr, sehr schönes Erlebnis war. Das Panorama dort ist wirklich fantastisch und zu dritt marschierten wir gut gelaunt weiter.
Als wir um 15h eine unserer mehr oder weniger regelmäßigen Ess- und Rauchpausen machten fragte Sarah mich wie weit es wohl noch bis zum Checkpoint sei. Ich überschlug kurz die Stunden und stellte fest, dass es wohl noch 3 Stunden, als rd. 15km, sein dürften. Insgeheim hoffte ich, dass diese Schätzung nicht zu optimistisch war, was sie vielleicht demotiviert hätte. Allerdings staunten wir nicht schlecht, als wir ein paar Ecken weiter schon das „5km to CP“-Schild entdeckten. Nun ist das so eine Sache mit der Beschilderung beim YAU: Selten habe ich so eine große Abweichung von gefühlten zu tatsächlichen Kilometern erlebt wie hier im winterlichen Yukon. Dass man sich auf einem 70km-Abschnitt um 20km (und damit 4h Netto-Laufzeit!) vertut, ist durchaus drin. Diese Abweichungen führten in den letzten Jahren zu mehr oder weniger heftigen Diskussionen, weshalb Robert in diesem Jahr einfach auf den „Half-Way“-Marker verzichtet hat. Nun gab es also nur noch den „5km to CP“-Hinweis, ca. 1 Stunde vor dem tatsächlichen Etappenziel.
Ich versuchte das Schild zu ignorieren, denn im ersten Jahr habe ich von hier zum Dog Grave Lake noch fast zwei Stunden gebraucht; allerdings kam mir die Umgebung schon recht bekannt vor und als der Trail in einer Rechtskurve bergab ging und fast den See berührte war mir klar, dass es nur mehr ein paar Meter waren. Schon wieder hatte mir der Yukon gezeigt, dass es bei solchen Läufen nur eine einzige Tatsache gibt, auf die man sich verlassen kann: Jeder Schritt nach vorne bringt Dich Deinem Ziel näher!! Sonst gibt es nichts, woran du dich orientieren oder worauf du dich verlassen könntest.

Den konnte ich auch bis Braeburn nicht mehr aufholen, sodass ich leider bei Sarahs Zieleinlauf nicht dabei sein konnte; aber wir werden das sicher noch ein andermal nachholen… Ich kann mich an keinen Athleten erinnern, der bereits zwei Stunden nach dem Finish über 100M überlegte, ob er/ sie die 320M in Angriff nehmen sollte. Es war wirklich beeindruckend zu sehen, mit welcher Begeisterung Sarah unterwegs war und wie viel sie dabei gelacht hat. Ich bin mir sicher, dass sie noch für einige Überraschungen in der Ultrawelt sorgen wird; die erste ist ihr auf jeden Fall schon gelungen.
Ich selbst spazierte gegen Mittag in Braeburn ein und nachdem niemand gedacht hat, dass ich in der zweiten Nacht satte 9 Stunden schlafen würde, fragten alle gleich, ob auch alles in Ordnung sei. Ich bejahte und bestellte mir sofort den legendären Super-Burger. Als gegen Nachmittag alles getrocknet, der Magen voll, die Zähne geputzt und auch die Füße verpflegt waren genoss ich noch ein bisschen die Stimmung in der Braeburn Lodge, verabschiedete mich von Sarah, die nun zurück nach Whitehorse fuhr und machte mich gg. 16h wieder auf den Weg Richtung Dawson. Der Gedanke, dass nun noch nicht mal ein Viertel der Gesamtstrecke vorbei war faszinierte und erschreckte mich zugleich. In diesem Jahr war klar: Das hier ist kein Rennen, das man mal eben runterreißt. 13 Tage sind verdammt lang und wir wussten alle, dass hier so manches Tief zu durchlaufen war. Aber die lange Strecke war die logische Konsequenz aus dem, was ich in den beiden Vorjahren erleben durfte. Ich wollte es so.
Es war schon tiefste Nacht, als ich Fisse wieder traf. Wie im letzten Jahr vereinbart hatte er „seinen“ Biwakplatz vor einem der längsten Seen wieder bekommen und machte sich dort auch schon sein Lager zurecht, als ich vorbei kam. Ich war noch gut drauf und freute mich sogar auf den See, auch wenn ich jetzt schon wusste, dass ich erst in über einer Stunde wieder „an Land“ kommen würde. Mit flottem Schritt, bei guter Musik und fantastische Nordlichter vor Augen marschierte ich drauf los. Schon wieder mal war alles perfekt: Mein Schlitten und ich auf Reisen. Es war einer dieser Momente, an denen es einfach nichts zu verbessern gab. Nicht einmal der Wind, der den Trail unter sandartigem Schnee begrub konnte mich aus der Ruhe bringen. So konnte es weitergehen…
…gings aber nicht! Nachdem auch ich mich in dieser Nacht wieder über acht Stunden erholt hatte war ich bald mit Fisse wieder unterwegs in Richtung Ken Lake. Eigentlich sollten wir die Strecke ja langsam nun schon kennen, aber so sehr wir uns auch sicher waren, bereits auf dem Ken Lake und damit dem Checkpoint schon sehr nahe zu sein: Kein Zelt, kein Feuer, dafür aber noch ein paar Seen! Auch Murray, der uns mit dem Skidoo überholte hatte keine besseren Nachrichten und so marschierten wir halt einfach weiter, immer wieder und immer öfter unterbrochen von diversen Mampf- und Qualmpausen.

Ich sammelte Informationen über den täglichen Energiebedarf und die Schätzungen gingen von 5.000 bis 10.000kcal. Also stockte ich noch mächtig auf und startete das Rennen letztlich mit ca. 6.500kcal am Tag. Gegessen habe ich sie nicht, was sich beizeiten schon auf meine Leistung und meinen Kreislauf auswirkte. Aber ich hab diese Masse einfach nicht runtergekriegt. Wie ein Athlet 8.000kcal am Tag essen kann verstehe ich beim besten Willen nicht, aber wahrscheinlich ist das auch etwas, was man trainieren kann.
Doch mit dem Essen ist es das Gleiche wie mit der Kälte: Der Körper gewöhnt sich an die Bedingungen und der Organismus spielt sich ein. So wurde das permanente Knabbern an diversen Riegeln, Keksen und Schokoladentafeln zur Gewohnheit. An den Checkpoints wurde natürlich richtig gefuttert und gut getrunken, aber schon bald waren Kälte und Belastung kein Ausnahmezustand mehr. Der Körper hatte sich eingeschwungen, ab jetzt war der Kopf an der Reihe...
...und meiner brauchte verdammt viel Schlaf: Auf dem Weg von Ken Lake nach Carmacks schlief ich nochmals 9,5 Stunden und trotz der Erholung waren die letzten dieser 69km nicht einfach. Die Strecke war trotz der guten Trailbedingungen sehr anspruchsvoll. Ich freute mich also, als ich endlich die Brücke von Carmacks sah. Dass der Checkpoint verlegt worden war wussten wir und ich hatte Daves Karte genau studiert, die den neuen Checkpoint zeigte. Leider hatte ich die Ausdehnung von Carmacks jedoch massiv unterschätzt und kam etwas gefrustet am Checkpoint an.
Heike, die die 100M erfolgreich gefinisht hatte, betreute uns hervorragend; als überaus erfahrene Ultraläuferin wusste sie genau, wie es uns ging und was wir brauchten, doch in meinem Fall konnte sie es mir durch ihr Engagement nicht geben: Ich brauchte zuallererst mal meine Ruhe und etwas Zeit, um meinen Schlitten herzurichten. Im Nachhinein finde ich das eine hochinteressante Situation: Ich merkte auf dem Weg nach Carmacks deutlich, dass das hier kein Kinderspiel war. Die Bedingungen waren hart, der Weg weit und die Einsamkeit manchmal erschreckend. Mit tat es daher unheimlich gut, meinen Schlitten auszuräumen, mir mein Essen und meine Ausrüstung zurecht zulegen und alles super-ordentlich wieder einzupacken. Das ganze gab mir ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit - Sicherheit, die mir auf der Strecke ab und zu fehlte. Man braucht bei solchen Unternehmungen wohl einige feste Standbeine - die Kenntnis über den eigenen Körper und seine Leistungsfähigkeit, die Beherrschung der eigenen Gedanken und das Bewusstsein, gut ausgerüstet zu sein. In Carmacks brauchte ich eine extra Dosis davon. Danach ging es mir deutlich besser, ich konnte auslassen, mich fallen lassen und 3,5 angenehme Stunden dort verbringen. Danach machten Fisse und ich uns auf nach McCabe Creek - mit der 30km langen Bergbaustraße wartete dabei ein „mentaler Leckerbissen“ auf uns!
Aber wie gesagt kann man sich hier nur darauf verlassen, dass man mit jedem Schritt in die richtige Richtung seinem Ziel immer näher kommt. Fasziniert folgte ich der Fährte eines einzelnen Wolfes, die tatsächlich von Carmacks die ganze Straße entlang ging. Da es schneite und die Spur noch sehr frisch war war der Kamerad wohl erst vor Kurzem hier gelaufen. Ich war (mental wie körperlich) in hervorragender Verfassung und spulte kontrolliert und konstant meine Kilometer ab. Da ich wusste, wie sehr sich die Straße ziehen konnte und wie zäh die Hügel hier waren versuchte ich sehr konzentriert und ausgeglichen zu marschieren: Ich hielt meine Esspausen (alle zwei Stunden) exakt ein, konzentrierte mich auf die Musik in meinem Ohr und erstickte alle Gedanken an weitere Pausen im Keim. Und siehe da: Viel eher als erwartet bog der Trail von der Straße ab und führte in den Wald. Ich lief noch ein ganzes Stück weiter, dann legte ich mit nur fünf Stunden meine kürzeste Schlafpause des ganzen Laufs ein.

Der Aufenthalt in McCabe Creek war wundervoll: Wir konnten die Stunden dort richtig genießen, aßen und tranken, was unsere Mägen hergaben und trockneten unsere Ausrüstung. Nach rund vier Stunden verabschiedeten wir uns, denn die Neugier auf Dawson und den neuen Streckenteil dorthin war ungebrochen und schließlich waren wir nur noch rund 110km davon entfernt! Ich verabschiedete mich von Sarah und merkte schön langsam, wir sehr ich sie mochte und wir sehr ich mich darauf freute, sie bald wieder zu sehen. Da sie weiter nach Pelly Crossing fahren wollte, um dort auf uns zu warten, konnte es nicht viel länger als 24 Stunden dauern...
Der Weg von McCabe nach Pelly Crossing stellte mich und meine Zuversichtlichkeit allerdings nochmals auf die Probe: Zunächst schlug ich mir mit dem rechten Fuß eine Schnalle des linken Schuhs ab, was sich aber gut reparieren ließ und so keine große Schwierigkeit darstellte. Als ein paar Kilometer weiter allerdings meine Stirnlampe ihren Dienst versagte und ich Probleme hatte, Fisse im Dunkeln auf dem schwierigen Trail zu folgen, machte mir das deutlich zu schaffen: Ich war genervt und wollte nichts mehr von der Dreckslauferei wissen. Meine Geduld war hier tatsächlich am Ende und ich wollte nichts mehr als mich in meinem Schlafsack verkriechen und die Augen zumachen. Das taten wir denn auch für 7 Stunden und am nächsten Morgen sah die Welt gleich viel besser aus. Wir erreichten um 17:30h Pelly Crossing - ausgeruht und bester Stimmung. Dass Sarah da war tat mir sehr gut und ihre Art sich um uns zu kümmern war ein Highlight des ganzen Rennens... Kopfschüttelnd und mit fragenden Blicken beobachteten uns die anderen Betreuer und Athleten: Wie „Extremsportler“ über Stunden hinweg lachen, rauchen und ihren Spaß haben konnten, muss man ja auch nicht auf Anhieb verstehen. Aber mir zeigten diese Stunden, dass ich es richtig machte: Ich wusste, dass diese Stimmung jeden eines Besseren belehrte, der hier ausgemergelte und emotional abgestumpfte Menschen erwartete, die keinen Spaß am Leben hatten. Für mich war das das pure Leben und sogar jetzt dachte ich schon wieder über neue Abenteuer wie die 1.100M des Iditarod durch Alaska nach...
Um 22h kamen auch Klaus und Pearse nach Pelly Crossing, was die gute Stimmung noch verstärkte. Ab jetzt sollten wir vier mehr oder weniger als Team weitermachen, denn es lagen immer nur ein paar Stunden zwischen uns. Andy Heading hatte da bereits in Pelly Farms verlassen und einen schönen Vorsprung auf uns herausgelaufen. Die drei weiteren Teilnehmer über 460M hatten leider bereits abgebrochen und alle waren sehr gespannt, wie es uns fünf ergehen würde.
Um kurz nach Mitternacht verließen Fisse und ich den Checkpoint und marschierten auf der Straße Richtung Pelly Farms. Hier hatten wir einen Pflichtstop von 8 Stunden einzulegen, der uns aber mehr freute als aufhielt. Aber der Weg zog sich mehr als je zuvor und obwohl wir nicht schliefen brauchten wir für die 50km genau 13 Stunden. Keiner weiß genau, warum wir so langsam waren, aber wir kamen wirklich nicht schnell vorwärts. Die Motivation ließ schön langsam zu wünschen übrig und während wir schon hinter jeder Flußbiegung die Farmen erwarteten überholten uns Robert und Eric auf dem Skidoo. Auch sie konnten uns nicht wirklich aufbauen, machten aber immerhin ein paar Fotos von uns... Ich fragte Robert nach David Berridge, den wir in der Nacht getroffen hatten und um den wir uns große Sorgen machten: Er wirkte völlig übermüdet und die Spuren, die er im Schnee hinterlassen hatte, verhießen nichts Gutes: Er war insgesamt fünf mal die Straße rauf- und runter gelaufen, da er vor Müdigkeit (er hatte wohl sechs Tage ohne Schlaf hinter sich und entsprechend war seine mentale Verfassung) jegliche Orientierung verloren hatte. Als wir ihm die Richtung nach Pelly Crossing zeigten (kaum zu glauben, dass man auf einer 50km langen Straße ohne jede Kreuzung die Orientierung verlieren kann!) und er lostorkelte, wankte er von einer Straßenseite zur anderen und wir fürchteten, dass er irgendwann über den Schneehaufen in Richtung Fluß abstürzen würde; oder aber, dass er nach einer Pause wieder die Orientierung verlieren und uns irgendwann überholen würde... Aber er war nach sieben Tagen wohlbehalten und gesund als dritter im Ziel angekommen.

Doch wir waren ja zu zweit und wir beschlossen, konstant weiter zu machen. Wir wussten, dass sich die Helfer und Skidoo-Fahrer um uns kümmern würden und schöpften aus der neuen Strecke, dem strahlend blauem Himmel und unserer Leidenschaft Kraft fürs Weitermachen. Klaus und Pearse hatten nicht wie wir fast 21 Stunden Pause auf den Farmen gemacht und schlossen bald auf uns auf. Sie waren wie wir gut in Form, dennoch lag schon irgendwie ein anderer Geist in der Luft: Wir redeten zwar nicht drüber, aber wir waren entschlossen, die Sache gemeinsam durchzuziehen. Die Vorstellung, dass wir zu viert, vielleicht sogar zu fünft in Dawson einlaufen würden gefiel mir und zeigt mir erneut, dass das hier kein Rennen gegeneinander sondern füreinander war.
Obwohl wir wussten, dass wir das Tempo halten mussten genehmigten wir uns wieder eine großzügige Pause: Ich schlief in der nächsten Nacht satte zwölf Stunden - vielleicht ein Tribut an die immer noch fallenden Temperaturen: Morgens war es wirklich ekelhaft kalt und wir wussten nun, dass -45°C nicht einfach ein bisschen Kälter waren als -35°C, sondern jeden Handgriff schwieriger machten. Als ich am Morgen aus meinem Schlafsack kriechen wollte, wurde mir dies fast zum Verhängnis: Da ich die Kapuze geöffnet hatte und die kalte Luft hereinkroch musste ich den Reißverschluss aufbekommen, um mich endlich anziehen zu können. Doch der Schlitten war festgefroren und bewegte sich keinen Millimeter. Ich zog und rieb, schüttelte und knetete, bis der Reißverschluss endlich aufging - leider genügten diese paar Sekunden, um mir (trotz Handschuhen) an fast allen Fingern leichte Erfrierungen zuzuziehen! Doch alles ging glimpflich ab und schon ca. einen Monat später waren alle Finger wieder voll sensibel und verheilt.
Wir marschierten weiter und ich hatte schon leichte Bedenken wie die Sache ausgehen sollte; nicht, dass ich Angst vor der Kälte oder der Strecke gehabt hätte, aber die Zeit machte mir große Sorgen, denn wir waren einfach zu langsam. Am Abend trafen wir Klaus und Pearse wieder, die gerade ihr Lager herrichteten. Ihre Kocher hatten beide den Dienst versagt und so hatten sie ein großes Feuer gemacht. Wir setzten uns dazu, machten Wasser und aßen etwas. Biwakieren wollte ich nicht, denn aus Angst vor dem Zeitlimit wollte ich noch unbedingt 3-4 Stunden weiter laufen. Doch, was soll ich sagen: Wenn man es sich bei -40°C erst mal an einem solchen Feuer gemütlich gemacht hat, fällt es schwer wieder aufzustehen! So kam es dann doch dazu, dass wir unser Biwak vorbereiteten und schliefen. Doch auch diese Nacht war wieder wirklich kalt, es dürfte sogar noch ein bisschen frischer gewesen sein als am Tag zuvor und so fror auch ich zum ersten Mal in meinem Schlafsack. Bis zum Morgen hatte ich ihn jedoch schön angewärmt, sodass das Aufstehen in der Früh schwerer viel als je zuvor: Nach sagenhaften 15 Stunden Schlaf trieb mich letztlich meine Blase hinaus an die „frische Luft“ und beim Anziehen merkte ich die Kälte deutlich: Die Schuhe waren bocksteif, die Plane meines Schlittens ließ sich nur mit viel Krafteinsatz bewegen und alles, was ich anfasste klirrte und knisterte...

So ein Skidoo ist ja ganz nett, aber dass einem nach nur ein paar Kilometern die Knie abfrieren hatte ich nicht gedacht. Ich wollte Mike schon um eine Pause bitten, als wir das 5km to CP-Schild passierten. ‚Also weiter!‘, dachte ich. Als wir in Scroggie Creek ankamen, konnte ich meine Beine fast nicht mehr bewegen. Doch als im Inneren der Hütte die Knie wieder warm wurden dachte ich, es sei alles aus. Ich kann mich nicht erinnern, jemals solche Schmerzen verspürt zu haben. Dazu kam das Bewusstsein, dass sich meine Vorstellung vom Zieleinlauf in Dawson nicht erfüllen würde - ich weiß bis heute nicht, was schlimmer war! Bald hatte Mike auch Fisse geholt und wir fuhren anschließend ein paar Kilometer weiter zu einer geräumigen Blockhütte. Da es sich in unserem Fall um so etwas wie einen Notfall handelte (wir erreichten in der nächsten Nacht -48°C) und weil in dieser Gegend generell keine Hütten abgeschlossen werden, hatte Mike den Checkpoint hierher verlegt. Auch Andy und Pete warteten schon auf uns und wir verbrachten einen vergleichsweise schönen Abend mit hervorragendem Essen und einer angenehmen Nacht. Mike war die Erschöpfung deutlich anzumerken: Nach einem kurzen Telefonat legte er sich hin und war sofort weg...

Es war alles verrückt - verrückter als ich‘s mir je hätte vorstellen können und ich hatte deutlich das Gefühl, Teil eines echten Abenteuers gewesen zu sein. Im Nachhinein war die Entscheidung von Mike sicher absolut richtig, denn für Dawson waren -68°C angesagt und es war fast klar, dass einem von uns noch irgendetwas passiert wäre, wenn wir weitergemacht hätten. Doch so kamen wir alle glimpflich davon und konnten noch ein paar entspannte Tage in Whitehorse verbringen. Dass wir bereits Gedanken an das nächste Abenteuer hatten, dürfte klar sein, denn ich kann es kaum erwarten, wieder Teil einer solchen Geschichte zu werden....